„Stationäre Pflege

— zwischen guter Versorgung, Pflege-

notstand und lukrativem Geschäft“

Podiumsdiskussion in Bad Neuenahr warnte vor

Zusammenbruch des Pflegesystems

31.8.2018 | Ein auserlesenes Podium stellte sich unter der Leitung von Pfarrer Rüdiger Stiehl, Evangelische Kirchengemeinde Bad Neuenahr-Ahrweiler, dem Thema „Stationäre Pflege — zwischen guter Versorgung, Pflegenotstand und lukrativem Geschäft“. Auf dem Podium diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Gesundheitswesen ihre Positionen. Einig waren alle, dass zur Sicherung der Pflege dringender Handlungsbedarf besteht. | Foto: E.T. Müller Über 100 Zuhörer waren auf Einladung der „Projektgruppe Heime“ — bestehend aus dem Betreuungsverein der Evangelischen Kirchengemeinden in der Rhein-Ahr- Region e.V., dem Pflegestützpunkt für die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler / Grafschaft, sowie dem SKFM Katholischer Verein für Soziale Dienste für den Landkreis Ahrweiler e.V. — ins Evangelische Gemeindehaus von Bad Neuenahr- Ahrweiler gekommen. Zu Beginn zeigte ein Filmbeitrag auf eindrückliche Weise die Altenpflegesituation, wenn wenige, überforderte Pflegekräfte auf viele hilfsbedürftige, vernachlässigte Heimbewohner treffen. Eine Situation, die es im Kreis Ahrweiler nicht gebe, meinte Altenpflegeschülerin Anja Dreßen, während Rechtsanwältin Ulrike Kempchen vom BIVA-Pflegeschutzbund die beschriebene Situation als keinen Einzelfall bezeichnete. Es fehle an personellen Ressourcen, die zu Überforderung und Missständen führen, stellte Dr. Martin Canzler vom MDK fest. Dr. Hanno Heil, Vorsitzender des Verbands Katholischer Altenhilfe, verwies in diesem Sinne auf einen Paradigmenwechsel, der sich vor 25 Jahren mit von Ordensleuten geführten Häusern hin zum Dienstleistungsmarkt vollzogen habe: „Der Rahmen ist dadurch ein anderer geworden.“ Als Gefahr benannte Dr. Martin Canzler, auf den Pflegemarkt vordringende ausländische Konzerne. Altenpflege sei nicht gewinnorientiert wie eine Autofabrik zu organisieren, wo Anleger Gewinne versprochen werden, kritisierte Professor Dr. Stefan Sell vom RheinAhrCampus Remagen eine Kommerzialisierung der Pflege und forderte zur Entlastung der Pflegekräfte gesetzliche Personalvorgaben. Nicht zu verantworten sei, wenn eine Nachtwache für 50 bis 60 Menschen zuständig ist. Als „Spätberufene“ warb Anja Dreßen für die Altenpflege und Harald Monschau, Vorstandsmitglied BPA-Bundesverband der privaten Anbieter sozialer Dienste e.V. und Heimleitung Seniorenzentrum Maranatha, berichtete von vereinsamten Menschen, die in die Häuser kommen: „Dann erleben wir, wie diese Menschen wieder aufleben, wenn sie eine Ansprache haben.“ Jedoch bemängelte auch er eine Überlastung des Pflegepersonals. Aufs Ganze betrachtet sieht Professor Dr. Stefan Sell Altenpflege in Deutschland „hochgradig gefährdet. Das System läuft nicht nur heiß, sondern bricht uns weg.“ Dabei werden 70 Prozent der Pflegebedürftigen immer noch zuhause gepflegt. Würden davon nur 10 bis 20 Prozent in eine stationäre Einrichtung gehen, käme es zu einem Zusammenbruch des Pflege- systems. „So viele Betten gibt es nicht“, sagte Professor Stefan Sell, der im „Skandinavischen System“, das zwei- bis dreimal so viel wie Deutschland in die Pflege investiert, eine Lösung sieht. Viele seien in der Pflege aktiv, doch keiner sei wirklich zuständig, eine Aufgabe, die in Dänemark von den Kommunen über- nommen werde. Dem entgegen sprach sich Erwin Rüddel MdB, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag, gegen eine Kommunalisierung der Altenpflege aus. Es brauche ein Bündel von Aktiven. Kommunen, Länder und Bund alleine könnten das nicht regeln. Höhere Steuern und Pflegebeiträge seien denkbar, damit sich der Eigenanteil der Gepflegten nicht weiter erhöht. In der von Erwin Rüddel propagierten Digitalisierung der Pflege, bis hin zum Windelsensor, sahen die anderen Podiumsteilnehmer keine Maßnahme, die der Pflegebelastung ernsthaft entgegenwirken könne.

„Stationäre Pflege

— zwischen guter Versorgung,

Pflegenotstand und lukrativem

Geschäft“

Podiumsdiskussion in Bad

Neuenahr warnte vor

Zusammenbruch des

Pflegesystems

31.8.2018 | Ein auserlesenes Podium stellte sich unter der Leitung von Pfarrer Rüdiger Stiehl, Evangelische Kirchengemeinde Bad Neuenahr-Ahrweiler, dem Thema „Stationäre Pflege — zwischen guter Versorgung, Pflege- notstand und lukrativem Geschäft“. Auf dem Podium diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Gesundheitswesen ihre Positionen. Einig waren alle, dass zur Sicherung der Pflege dringender Handlungsbedarf besteht. | Foto: E.T. Müller Über 100 Zuhörer waren auf Einladung der „Projektgruppe Heime“ — bestehend aus dem Betreuungsverein der Evangelischen Kirchengemeinden in der Rhein-Ahr-Region e.V., dem Pflegestützpunkt für die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler / Grafschaft, sowie dem SKFM Katholischer Verein für Soziale Dienste für den Landkreis Ahrweiler e.V. — ins Evangelische Gemeindehaus von Bad Neuenahr-Ahrweiler gekommen. Zu Beginn zeigte ein Filmbeitrag auf eindrückliche Weise die Altenpflegesituation, wenn wenige, überforderte Pflegekräfte auf viele hilfsbedürftige, vernachlässigte Heim- bewohner treffen. Eine Situation, die es im Kreis Ahrweiler nicht gebe, meinte Alten- pflegeschülerin Anja Dreßen, während Rechtsanwältin Ulrike Kempchen vom BIVA- Pflegeschutzbund die beschriebene Situation als keinen Einzelfall bezeichnete. Es fehle an personellen Ressourcen, die zu Über- forderung und Missständen führen, stellte Dr. Martin Canzler vom MDK fest. Dr. Hanno Heil, Vorsitzender des Verbands Katholischer Altenhilfe, verwies in diesem Sinne auf einen Paradigmenwechsel, der sich vor 25 Jahren mit von Ordensleuten geführten Häusern hin zum Dienst- leistungsmarkt vollzogen habe: „Der Rahmen ist dadurch ein anderer geworden.“ Als Gefahr benannte Dr. Martin Canzler, auf den Pflegemarkt vordringende ausländische Konzerne. Altenpflege sei nicht gewinn- orientiert wie eine Autofabrik zu organisieren, wo Anleger Gewinne ver- sprochen werden, kritisierte Professor Dr. Stefan Sell vom RheinAhrCampus Remagen eine Kommerzialisierung der Pflege und forderte zur Entlastung der Pflegekräfte gesetzliche Personalvorgaben. Nicht zu verantworten sei, wenn eine Nachtwache für 50 bis 60 Menschen zuständig ist. Als „Spätberufene“ warb Anja Dreßen für die Altenpflege und Harald Monschau, Vorstandsmitglied BPA-Bundesverband der privaten Anbieter sozialer Dienste e.V. und Heimleitung Seniorenzentrum Maranatha, berichtete von vereinsamten Menschen, die in die Häuser kommen: „Dann erleben wir, wie diese Menschen wieder aufleben, wenn sie eine Ansprache haben.“ Jedoch bemängelte auch er eine Überlastung des Pflegepersonals. Aufs Ganze betrachtet sieht Professor Dr. Stefan Sell Altenpflege in Deutschland „hochgradig gefährdet. Das System läuft nicht nur heiß, sondern bricht uns weg.“ Dabei werden 70 Prozent der Pflegebedürftigen immer noch zuhause gepflegt. Würden davon nur 10 bis 20 Prozent in eine stationäre Einrichtung gehen, käme es zu einem Zusammenbruch des Pflegesystems. „So viele Betten gibt es nicht“, sagte Professor Stefan Sell, der im „Skandinavischen System“, das zwei- bis dreimal so viel wie Deutschland in die Pflege investiert, eine Lösung sieht. Viele seien in der Pflege aktiv, doch keiner sei wirklich zuständig, eine Aufgabe, die in Dänemark von den Kommunen übernommen werde. Dem entgegen sprach sich Erwin Rüddel MdB, Vorsitzender des Gesundheits- ausschusses im Bundestag, gegen eine Kommunalisierung der Altenpflege aus. Es brauche ein Bündel von Aktiven. Kommunen, Länder und Bund alleine könnten das nicht regeln. Höhere Steuern und Pflegebeiträge seien denkbar, damit sich der Eigenanteil der Gepflegten nicht weiter erhöht. In der von Erwin Rüddel propagierten Digitalisierung der Pflege, bis hin zum Windelsensor, sahen die anderen Podiumsteilnehmer keine Maßnahme, die der Pflegebelastung ernsthaft entgegenwirken könne.